Blick von der Burg Vlotho auf die Weser zur Lippischen Pforte
Themenbereich Stätten und Landschaft
Die Schöningsche Villa
(Zusammenfassung zu L14 - Spurensuche XIV
sowie N06 - Mit Weserblick am Amtshausberg)

Anmerkung: Im allgemeinen sollen die hier aufgenommenen Auszüge aus unseren "Beiträgen zur Ortsgeschichte" auf dem Stand der print-Veröffentlichung bleiben und nur bei wirklich neuen Erkenntnissen bzw. Ereignissen aktualisiert werden. Von Anfang an bezieht sich im Durchschnitt jeder zehnte Hit auf unsere Seiten auf die Villa Schöning, so daß wir im Rahmen der Möglichkeiten hier über die aktuelle Entwicklung informieren werden.

Im oben genannten "Beitrag zur Ortsgeschichte N06" hat die Architektin Nicola Kaplan aus Exter die um die Jahrhundertwende 1900 favorisierten gestalterischen Aspekte des Objektes beschrieben. Dieser Bericht ist ergänzt mit einer Beschreibung der Entwicklung nach dem letzten Besitzerwechsel im Jahr 1989. Wenn Sie diese vollständige 48-seitige Ausgabe (mit historischem Bildmaterial ergänzt) zur Villa Schöning interessiert, senden wir sie Ihnen gerne zu. Am einfachsten ist es, wenn Sie uns € 3,30 in gültigen Postwertzeichen (6 x 0,55 = € 2,50 + Porto) per Adresse Geschichtswerkstatt Exter e. V. c/o W. Sieber - Im Königsfeld 5 - 32602 Vlotho schicken. Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihr Vertrauen.


Bild: 2006 Kulturfabrik in Vlotho - früher Zigarrenfabrik Schöning (vormals Hoening und Schöning)

Bünde, die Nachbarstadt im Kreis Herford, ist als "Zigarrenkiste Deutschlands" bekannt, aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts war dieses Prädikat der Weserstadt Vlotho vorbehalten. Zu den besonders wichtigen Unternehmen zählte Schöning, 1847 gegründet als Hoening & Schöning war es das drittälteste der Branche in der Weserstadt, überlebt hat es noch bis 1971, wenn auch in Vlotho nicht mehr produziert wurde. Der Name Schöning wird noch immer genannt. Verständlich, haben doch in der ehemaligen Vlothoer Zigarrenfabrik, der heutigen "Kulturfabrik", Heimatstube des Heimatvereins, Jugendkunstschule, Stadtbücherei und Jugendzentrum ihr Domizil.

Ein weniger erfreuliches Bild bietet dagegen der Anblick der "Villa Schöning". Seit 1988 teilt sie das traurige Schicksal des ehemaligen Bahnhofs von Vlotho, an dem der Zahn der Zeit nicht weniger heftig nagt. In den letzten Jahren wurde auch sie überdies mehrfach von Feuer heimgesucht, das entweder aus Vandalismus gelegt oder auf Unachtsamkeit manch unerwünschter Einquartierung zurückzuführen war. So war Ende September 2005 ein weiterer Brand der Boulevard-Presse Anlass, über ein "Spukhaus" in Vlotho zu berichten. Auch wenn dieser Bericht sich nicht durch seriöse Berichterstattung auszeichnete, war er in verschiedenen einschlägigen Internetforen Gesprächsthema mit mehr oder weniger wilden Spekulationen.

Bild: 1927 - Ein intakter Anblick: Bahnhof (links) Villa (Mitte) Tribüne (rechts)

Angefangen hatte die Geschichte des Gebäudes in den Jahren 1898/99. Der Herforder Architekt Köster baute für den damaligen Fabrikanten Wilhelm Schöning die Villa am Hang des Amtshausberges. Mit Ausblick über das Wesertal stromabwärts über Gut Deesberg hinweg, bis zur Porta Westfalica, und stromaufwärts bis zur "Lippischen Porta". Dem in Vlotho mit der Eisenbahn einfahrenden Besucher bot sich beim Verlassen des Bahnhofes ein bemerkenswertes Bild, denn der Architekt legte großen Wert auf einen repräsentativen Eindruck durch die aufwändige Gestaltung der von der Straße her sichtbaren Fassaden mit wilhelminischen Gestaltungselementen. Besonderen Eindruck macht noch immer die direkt zur Straßenseite weisende Ostfassade. Wilhelm Schöning starb 1924, Julius Schöning modernisierte 1925/26 die elterliche Villa.

Die Familie wohnte bis zum Kriegsende 1945 in dem attraktiven Gebäude. Dann wurde es wie viele andere Vlothoer Häuser von den einmarschierenden Amerikanern beschlagnahmt. Anschließend wohnten hier Angehörige der englischen Besatzungsmacht, 1950 verließ das englische "Rote Kreuz" als letzte die Villa. 1952 verkaufte Julius Schöning das Anwesen an den Kreis Herford.

Bild: Die Villa Schöning in ihren besten Zeiten (hier eine Ansicht von noch vor 1925) - Fast dreißig Jahre später wird sie als Heim der Arbeiterwohlfahrt genutzt.

Nach baulicher Erweiterung fanden alte Menschen hier ihre letzte Bleibe im Altenheim "Schönblick" unter Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt. 1978 bekam das Haus einen neuen Besitzer. Binnen kurzem kam das nun als Familienbetrieb geführte Heim negativ in die Schlagzeilen der Tagespresse, nachdem es Anlass gab, die pflegerischen Leistungen an den Insassen zu beanstanden. Im März 1982 wurde der Betrieb geschlossen; dem Inhaber waren Veruntreuungen nachgewiesen worden, es kam sogar zu einer Verurteilung. Mehrmals wechselten die Besitzer und auch zur Verwirklichung einer geplanten exklusiven Wohnanlage kam es nicht mehr. Kreditinstitute übernahmen die Immobilie.

1988 erwarb der Berliner Alois Heim den Vlothoer Bahnhof und die Villa Schöning, die auch weiterhin unbewohnt war, abgesehen von der kurzen Zeit, in der Heim selbst dort Unterkunft fand. Von ihm selbst konnte man vor einigen Jahren noch erfahren, dass er recht schnell von der Absicht, seinen Lebensabend in der Villa zu verbringen, abgerückt war, "nachdem erste Instandsetzungen Vandalismus zum Opfer fielen!". Fanden sich dann wirklich nur noch potentielle Käufer mit nicht akzeptablen Preisvorstellungen? Viele Vlothoer haben hierzu und zum Bahnhof eine eigene Meinung.

Bild: 2006 - Diese Aufnahme von der Nordseite vermittelt nur unvollständig den heutigen Zustand, zeigt aber auch, wie der Bewuchs allmählich überhand nimmt. Der scheinbar solide Anblick der hoch aufragenden Außenmauern täuscht darüber hinweg, wie es wirklich um den einstigen Prachtbau bestellt ist. Vom Betreten wird dringend abgeraten. Anfang Juli 2009 kam es zum ersten bekannten Unfall: Ein Vierzehnjähriger brach durch den Fußboden und stürzte vier Meter tief in den alten Keller.

Heute ist das Innere des Hauses wohl irreparabel zerstört, Decken und Treppen sind eingestürzt, halbwegs begehbar ist nur noch das Erdgeschoss. Die Fußböden sind mit Müll und Unrat übersät, Farbschmierereien verunstalten Innen- und Außenwände, vom Eigentümer erfolgte keine konstruktive Reaktion. Rufe nach Enteignung wurden laut und seitens der Stadt Vlotho waren die möglichen Schritte zumindest zum Bahnhof vollzogen worden. Aber so einfach scheint es nicht zu sein. Ein Verfahren sei nur dann erfolgreich, wenn das Objekt anschließend der Allgemeinheit zur Verfügung steht, als Bürgerzentrum oder in einer anderen Form. Und das erschien im Blick auf die leeren Kassen der Kommune schon angesichts der Renovierungskosten illusorisch.

Was behördlicherseits nach der Gesetzeslage höchstens getan werden kann, zeigt ein Sitzungsprotokoll des Rates aus Dezember 2003. Die Landrätin des Kreises Herford hatte als Bauaufsichtsbehörde wenige Tage zuvor gegenüber dem Eigentümer des Grundstückes "mit Festsetzung von Zwangsgeld und Androhung eines weiteren Zwangsgeldes" verfügt: Bild: 1995 - Von außen ist sie noch ansehnlich; den tatsächlichen Zustand verbergen gnädig die größer gewordenen Bäume im Vordergrund.

Die Vlothoer Tagespresse titelte am 28. Juni 2006 "Bahnhofsbesitzer aus Berlin ist tot": Es gab und gibt Gespräche zwischen der Stadt Vlotho und der Erbengemeinschaft, scheinbar aber nur zum ehemaligen Bahnhof Vlotho. Ein Architektenteam aus Exter bezifferte Anfang 2006 die voraussichtlichen Sanierungskosten allein für den Bahnhof auf einen vielstelligen Betrag. Hoffen wir auf eine baldige positive Entwicklung.

Sie wurde lange Zeit auch für die Villa Schöning gewünscht, deren Bausubstanz sich immer weiter verschlechterte. Hinzu kamen die sehr ungünstigen Standortbedingungen, der umgebende Wald drang immer weiter auf das Grundstück vor. Einziger Effekt war, dass der Anblick des Hauses verborgen wurde, wenigstens im Sommer, wenn das immer dichter werdende Gehölz in vollem Blattwerk stand. Was den Bahnhof betrifft ging es Anfang Dezember 2006 in kleinen Schritten weiter. Bernhard Heim, Sprecher der sechsköpfigen Erbengemeinschaft, bemüht sich mit einem vierköpfigen Team, den weiteren Verfall des Gebäudes vorerst aufzuhalten. Doch das ist ein anderes Thema.

Neuigkeiten zur Villa und zum Bahnhof sind Mitte Juni 2007 in der Tagespresse zu finden. Die Erbengemeinschaft ist fest entschlossen, sich von den ungeliebten Objekten zu trennen und teilt mit, sich um Käufer zubemühen. Dazu teilt der Vlothoer Anzeiger mit: "Michael Fißmer von der Verwaltung betonte, dass die Stadt bei einer neuen Nutzung des Bahnhofes planungsrechtlich beteiligt sei." Den Bahnhof hat im Dezember 2007 die Stadt Vlotho erworben, Diskussionen um die künftige Nutzung haben begonnen. Zu diesem Gebäude möchten wir die Aktualisierung des Geschehens hier abschließen. Was die Villa betrifft und wie es mit ihr weitergeht, wird man wohl abwarten müssen. Wenn auch nicht jedes kleine Vorkommnis hier angezeigt sein muss, sei doch erwähnt, dass Anfang Mai 2009 die Feuerwehr wieder einmal ausrücken musste; der Fußboden brannte.

Bild: 16. April 2011 - Dieses Bild, mit Zoom vom rechten Weserufer aus aufgenommen (im Ortsteil Uffeln, also über die Weser hinweg), zeigt im Vergleich mit dem vorhergehenden, welcher Schaden bei dem Brand eine Woche zuvor entstanden ist: Das Dach, der letzte Schutz vor Niederschlag, ist ein Opfer der Flammen geworden. Was die Stabilität der Mauern angeht, trügt der Schein. Das Gelände ist aus Sicherheitsgründen abgesperrt, vom Betreten ist noch mehr abzuraten als bisher.

Anfang April 2011 scheint das Ende der Villa eingeläutet worden zu sein. Nachdem am 6. April wieder einmal die Feuerwehr zu einem kleineren Einsatz ausrückte, geschah das am gleichen Tag noch einmal und am Donnerstag darauf, weil Schwelbrände neu aufzuflackern drohten. Am 8. April schließlich zwang ein Großbrand der Stufe 3 die Feuerwehr zu einem vielstündigen Einsatz. Erschwert wurde die Arbeit dadurch, dass das wohl kurz vor dem Einsturz stehende Gebäude nur noch unter Lebensgefahr zu betreten war.

Man kann es als endgültiges Ende einer Aera bezeichnen: Wieder verschwindet ein stummer Zeitzeuge für die einstige Bedeutung der Tabakindustrie in der Weserstadt. Mitte September 2011 berichtete die Lokalpresse, dass ein wichtiger Schritt zu weiteren Entscheidungen getroffen sei. Der Denkmalschutz wurde aberkannt, was den Weg freimacht für den Abriss des nach dem Brand unrettbar verlorenen Gebäudes. Man mag es bedauern, doch die Gefährdung für sich auf dem Gelände Aufhaltende ist nicht zu verleugnen. Dies besonders deswegen, weil die Villa als "Spukhaus" hohen Aufmerksamkeitswert in einschlägigen Kreisen hat. Eine erneute Baugenehmigung für dieses Grundstück am Hang des Amtshausberges würde versagt, hieß es von Seiten der Stadtverwaltung.