Exter: Im Ortszentrum (2004)
Themenbereich Menschen und Objekte
Als der Nikolaus dem Rat der Stadt Vlotho einen Brief schrieb
(aus: "SD11 40 Jahre Kindergarten Exter")
Text: Stephanie Brink und Stephanie Greco
Bildunterschriften: Geschichtswerkstatt


Vorwort:
Die Intention des Buches ist keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Pädagogikkonzepten und politischen Diskussionen zum Thema Erziehungsauftrag und will auch nicht als solche verstanden werden. Es geht um die Dokumentation und Darstellung der Entstehung und Weiterentwicklung des Kindergartens in Exter zum modernen Familienzentrum. So entstand ein Überblick über einen Teil Ortsgeschichte, den viele Menschen im Ort vier Jahrzehnte hindurch aktiv miterlebten und der für viele als Eltern sowie zunehmend als Großeltern noch immer zum Alltag gehört.

Wie alles begann Für die Gemeinde Exter stand seit einigen Jahren fest: ein Kindergarten musste her! Schon im Jahr 1964 führte die Gesamtdeutsche Partei in ihrem Wahlaufruf an die Bürger in Exter einen wichtigen Punkt an: den Bau von Kinderspielplätzen und die Einrichtung eines Kindergartens.

Bild: 10. November 1969 - Viele waren gekommen, um dem Anliegen von fünf Müttern in Exter Nachdruck zu verleihen: Große und kleine Leute, Ponys ...

Während dieser Aufruf weitestgehend im Sande verlief, wurde die Forderung nach einem Kindergarten im Jahr 1969 ganz konkret aufgegriffen: Fünf engagierte Mütter engagierten sich energisch für die Einrichtung eines Kindergartens. Als Wortführerin und treibende Kraft zeigte sich hier Dr. Christiane Bernsdorff-Engelbrecht, Gattin des Dorfarztes Dr. Hans Bernsdorff. Des Weiteren sind zu nennen: Maria Ditsch, Brigitte Dröge, Gerda Hilmert und Inge Wilke. Die Damen erstellten in einer Auflage von etwa 1200 Exemplaren ein Flugblatt, das gleichzeitig als Umfragebogen gedacht und von ihnen an alle Exteraner Haushalte verteilt wurde. Auf diesen Bögen war der Wunsch nach einem Kindergarten anzukreuzen.

Bild: 1995 - Mitten im Ort, gleich neben der Grundschule ist die "Villa Kunterbunt" zu finden.

Auch in Läden und Gaststätten wurden diese Flugblätter ausgelegt. Die Aktion fand ein lebhaftes Echo! Bemängelt wurde von Frau Dr. Bernsdorff auch die Tatsache, dass Kindergärten in anderen Gemeinden schon mit modernsten Mitteln eingerichtet wurden, während es in Exter sogar an einfachen Spielplätzen für die Jüngsten haperte. Immer wieder durch Gemeinderäte und Politiker vertröstet, machten die Frauen ihrer Verärgerung Luft, und ergriffen die Initiative. Angeschrieben wurden Parteien, der Bürgermeister, diverse Zeitungen etc.
Bild: 2000 - Der Eingang nach dem Erweiterungsbau von 1993

Zum Ende der Umfrage am 26. September 1969 waren an die 250 Unterschriften zu verzeichnen. Die Kindergartenfrage sollte nun dem Sozialausschuss und dem Rat der Stadt Vlotho zu ihrer Ratssitzung vom 13. Oktober vorgelegt werden. Erste Überlegung: das alte Schulgebäude an der Kirche wurde zunächst als Kindergartengebäude in Erwägung gezogen, da es kostensparend, zweckmäßig und schnell zu verwirklichen wäre. Nach einer Ortsbegehung durch die zuständige Kommission kam man aber zu der Auffassung, dass das Vorhaben, zwei Klassenräume als Kindergarten einzurichten, wegen des Fehlens ausreichender, den Altersstufen entsprechender Sanitäranlagen nicht durchzuführen sei.

Angedacht wurde die Errichtung eines Neubaus, der laut Ortsvorsteher Obernolte aber zweifellos viel kostenintensiver käme, und somit die alte Schule dem Ganzen doch vorzuziehen sei. Von der Kirchengemeinde wurde ein Neubau auf dem Gelände des früheren Schulgartens nahe der alten Schule vorgeschlagen. Allerdings würde ein solcher wohl ungefähr 100.000 D-Mark kosten - eine Summe, die in der nächsten Zeit nicht aufzubringen gewesen wäre.
Da die verschiedensten Überlegungen von Räten, Ausschüssen und der Gemeinde zu keinem Ergebnis führten, rief dieses wieder die engagierten Frauen auf den Plan: Am "Laternentag", Montag, der 10. November 1969, um 17:00 Uhr trat der Vlothoer Stadtrat in der Gastwirtschaft Ellermann in Exter zu einer Sitzung zusammen, in der auch die Kindergartenfrage auf der Tagesordnung stand. An diesem Abend sollten die Stadtväter mit dem Kindergartenproblem konfrontiert werden. Nach einem Laternenspalier aller interessierten Eltern sollte nach einem Laternenumzug von der Schule zum Gasthaus Ellermann ein "Brief vom Nikolaus" überreicht werden. Eine Einladung der fünf Mütter wurde überall im Dorf verteilt und ausgelegt.

Bild: 2013 - Die den Kindergärten zugeordnete U3-Betreuung machte 2012 erneute Baumaßnahmen notwendig. Hierfür bot sich die ehemalige, leer stehende Schulleiterwohnung an, die besonders die Bedürfnisse der Kleinsten berücksichtigt, wie auch der Spielbereich im Außengelände.

Mit Laternen und Ponys, Spruchtafeln und Demo-Plakaten bewaffnet, ging es für etwa hundert Beteiligte durch das Dorf. Der Bürgermeister Rudolf Kaiser erhielt von den kleinen protestierenden Jungen und Mädchen eine große Rute und einen Bittbrief. Doch was half es? Die Lösung der Kindergartenfrage wurde zeitlich innerhalb der nächsten drei Jahre angestrebt. Die zu der Zeit ca. 50 Jungen und Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren würden sich wohl noch etwas gedulden müssen oder die Hoffnung an jüngere Geschwister abtreten.

*Red. Anmerkung: Als dann Jahre später in Exter doch endlich ein Kindergarten errichtet wurde, gab der Bürgermeister die Rute mit einem Erledigungsvermerk zurück.