Exter: Im Ortszentrum (2004)
Der Kalkofen
(aus: L09 - Spurensuche IX)

Kalk wird seit Jahrtausenden schon als Bindemittel beim Bau von Gebäuden und zu anderen Zwecken genutzt. Die ältesten Hinweise stammen von archäologischen Ausgrabungen in der Osttürkei (12.000 v. Chr.), aber auch beim Bau der Pyramiden und beim biblischen Turmbau zu Babel wurde Kalk verwendet. Eine Rolle bei der Weiterentwicklung der Kalkherstellung spielten auch die Kloster-, Burgen- und Stadtgründungen.

Auch in Vlotho wird im 13. Jahrhundert Kalk gebrannt und zum Bau der Höhenburg auf dem Amtshausberg genutzt worden sein. Erst im Ravensberger Urbar von 1556 wird erwähnt, dass in Vlotho 1535 "Kalck gebrant, zichelstein und pannen gebacken" werden.

Bild: (1869) Der Kalkofen in Außen und Innenansicht

Nach einer Befragung der Vögte durch den Kanzler Gogreve soll der "amptman" mit Kalk- und Ziegelherstellung den Winterberg verwüstet haben. Bei einer "..besichtung der gebrechen in ampte Vlote" 1536 wird ebenfalls über die Verwüstung des Winterberges mit "holtzhauwen, steyn und kalk zo brenen" geklagt.

Viel Holz wurde für das Kalkbrennen gebraucht und ganze Wälder verschwanden. Wahrscheinlich stammt das Gestein zum Kalkbrennen bereits aus dem Paterberg mit seinem Muschelkalkvorkommen.

Im 18. Jh. war lippischer Kalk in Ravensberg sehr gefragt, da die heimischen Bindmittel "nicht zu gebrauchen wären". Damit im eigenen Land gewonnene Produkte nicht durch Einfuhren verdrängt wurden, verbot die Regierung im Erlass vom 3. August 1770 die Einfuhren des ausländischen, besonders des lippischen Kalkes in die Provinzen Minden und Ravensberg.

Der Vlothoer Tabakfabrikant Becker hatte zum Bau eines Hauses "Lippischen Kalk" eingeführt und sollte eine Strafe zahlen, die ihm aber erlassen wurde, weil er sich vor dem Erlass 1769 in Vlotho niedergelassen hatte.

In Vlotho gebrannter Kalk wird erst wieder in einem Bericht der damaligen Kriegs- und Domänenkammer zu Minden um 1803 erwähnt. Nördlich der katholischen Kirche hatte J. H. Mühlenfeld in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Gersten- und Graupenmühle angelegt, die 1829 in eine Ölmühle umgewandelt wurde.

Diesen Betrieb, zu dem auch ein Kalkofen am Paterberg (Herforder Straße) gehörte, erwarb 1842 der Kaufmann Hildebrand. Die Ölmühle wurde 1865 auf das Vermahlen des im benachbarten Steinbruch gewonnenen Kalksteins umgerüstet.

Die Witwe Hildebrand erhielt im gleichen Jahr, am 25. August, die Konzession für den Bau von vier Zementöfen. Gemeint ist hier vielleicht ein Brennofen mit vier Öffnungen für den Kalkauszug. G. Apke schreibt dazu, dass 1865 zwei Kalköfen am Fuße des Paterberges existierten. Vermutlich wurde daher nur ein weiterer Kalkofen (Bild?), wahrscheinlich im zweiten Steinbruch am Paterberg gebaut.

Bild: (vor 1958) Der Kalksteinbruch am Paterberg, links im Vordergrund die Papierblumen-Fabrik Luettgau, links dahinter die katholische Kirche, noch ohne den heutigen Turm

Am 19.08.1869 kauft H. P. Stern von der Witwe des Mühlenbesitzers Weitenauer, Bonneberg Nr. 16, Grundstücke auf dem Rahlbruch mit der Absicht, "dass dort er selbst oder ein anderer Käufer Kalköfen errichtet."

Noch 1869 erwirbt F. Wüstenfeld aus Melbergen die Grundstücke. Im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Minden erscheint die vom Vlothoer Amtmann Müller am 8. Januar 1870 unterzeichnete Mitteilung, dass Wüstenfeld beabsichtige, "auf den ihm zugehörigen, in der Gemeinde Vlotho belegenen Grundstücken zwei Trichter-Kalköfen nebst zugehörigen Lagerschuppen für Kohlen und gebrannten Kalk zu errichten." - "Die von mir in Vlotho projektierten Kalköfen sollen gewöhnliche, kontinuierlich brennende Trichteröfen werden, mit 4 Öffnungen an der Basis zum Ausziehen des gebrannten Kalkes," schrieb er im Antrag und erhielt am 16.05.1870 die Konzession. Die Abbildung der dazugehörigen Bauzeichnung leitet diesen Bericht ein.

Bild: (2004) Hinter der ehemaligen Tankstelle an der Herforder Straße in Vlotho (Höhe Katholische Kirche) ist der Einschnitt des Steinbruchs noch zu erkennen.

Es wurde aber nur ein Kalkofen gebaut. Die Grundstücke gingen dann an den Kaufmann Sally Stern und später auf die Familie Apke über. Etwa 1902 wurde der Kalkofen dann abgerissen. Heute steht der "Marktkauf" auf diesem Gelände. Danach existierten nur noch die beiden Kalköfen am Paterberg.

Die Besitzer wechselten häufig. Der größere Aufschluss wird 1922 als Kalkofenbruch Süllwald bezeichnet. Nach dem 2. Weltkrieg war nur noch ein Brennofen vorhanden, dieser war im Besitz von Fritz Kahre. 1958 musste der Brennofen einer Tankstelle weichen. Aber auch hier ist der Zapfhahn längst zugedreht. Der Aufschluss ist heute wieder mit Bäumen und Buschwerk bewachsen. Im Steinbruch hat die Natur gesiegt - Geologie und Biologie haben sich wieder vereint.