Exter: Im Ortszentrum (2004)
Der Vlothoer Bahnhof

Der erste planmäßige Güterzug der Löhne-Vienenburger-Eisenbahn fuhr am 19. Mai 1875 durch Vlotho, am 30. Juni folgte der erste Personenzug und es war ein langer und beschwerlicher Weg für die Vlothoer gewesen, wie hier beschrieben. Es gab nicht nur positive Stimmen, einige Bewohner der Langen Straße fürchteten, dass "ihnen durch den hohen Bahndamm Luft und Licht genommen würden."

Bild: Grundriß des Erdgeschosses (Zeichnung vor 1875, Straßenseite oben)


Erläuterungen zum Grundriss: 1: Billet-Verkauf; 2: Flur; 3: Wartesaal III. und IV. Klasse; 4: Stations- und Telegraphenbureau; 5: Gepäck-Expedition; 6: Wartesaal I. und II. Klasse; 7: Buffet (mit Bedienungstheke zu den Wartesälen; 8: Damenzimmer


Zwölf Häuser an der unteren Langen Straße fielen allein dem Bahnhofsbau zum Opfer. Dieses 1874/75 entstandene Gebäude wurde 1909 durch Anbauten an beiden Seiten erweitert. Dadurch vergrößerte sich die Nutzfläche auf etwa 800 qm. Im Bahnhofsgebäude befanden sich zwei Schalter für Fahrkarten, einer für Gepäck und ein weiterer für Expressgut mit den dazugehörenden Räumlichkeiten für Abwicklung und Zwischenlagerung. Außerdem gab es das Personalbüro und ein Büro für den Bahnhofsvorsteher. Zwei Wartesäle für die Klassen I/II und III/IV waren ebenso wie ein Restaurationsbetrieb vorhanden.

1928 wurde die 4. Klasse auch in den Zügen abgeschafft. Der Vlothoer Bahnhof bietet einen Bahnsteig mit zwei Durchfahrt- und zwei Überhol- bzw. Rangiergleisen. In dieser Zeit wurde die Stecke zweigleisig ausgebaut. Eine Anbindung an den Vlothoer Weserhafen erhielt die Eisenbahn nicht. Sie blieb ab 1904 der Kleinbahn vorbehalten, die ab 1903 über Exter - Bad Salzuflen - Herford u. a. direkte Verbindung von Vlotho über Spenge und Enger bis nach Wallenbrück brachte.

Bild: Der Bahnhof auf einer Postkarte um 1900

Im Kriegs- und "Steckrüben"-Winter 1916/1917 wurden die ländlichen Gebiete von hungernden Menschen aus den Ballungsräumen geradezu überflutet. Die Schienenwege waren für sie einziges überregionales Verkehrsmittel. Die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwunges in den 1950er Jahren wirkte sich auch auf die Eisenbahn durch Vlotho aus.

Bild: Der Bahnhof 1948

Wichtig war der Schienentransport für das nahegelegene Kraftwerk Veltheim, das auf diesem Wege den Brennstoff, die Kohlen, erhielt und infolge einer Umleitung über Vlotho konnten Vlothoer in dieser Zeit VW-Transport-Züge mit bis zu 700 m Länge bestaunen. "Heute ist alles so einfach. Wir können fast jeden Ort mit der Eisenbahn erreichen ... ", war damals in der Zeitung zu lesen.

Bild: Vlothos Bahnhof im Jahr 1996

In den 1960er-Jahren passierte im Mittel alle 20 Minuten ein Zug das Vlothoer Stellwerk. vorbei. Noch 1970 schufen 15 Eil- und Personenzüge direkte Verbindung bis nach Braunschweig, Aachen oder Mönchengladbach. Insgesamt 43 Menschen fanden im Vlothoer Bahnhof und dem ihm untergeordneten in Veltheim Arbeit und Brot.

Ab 1974/75 wurden die Bereitschaftszeiten allmählich verkürzt, der Nachtdienst abgeschafft. Eine unaufhaltsame Entwicklung hatte eingesetzt und für den 1. Juni 1992 wurde die Aufhebung der Fahrkartenausgabe angekündigt, auch die Gepäck- und Expressgutabfertigung wurden trotz massiver Proteste des Vlothoer Rates geschlossen. Verständlich war diese Entscheidung schon: Waren 1961 noch 12 Bedienstete im Bahnhof Vlotho eingesetzt, erledigte 1992 nur noch einer anfallende Arbeiten wie Fahrkartenverkauf oder Reisegepäck- bzw. Expressgutabfertigung.

Bild: Das Empfangsgebäude im Jahr 2006

Heute halten in Vlotho nur noch Züge der privaten Weserbahn auf einer einmal wichtigen Nebenstrecke der Bundesbahn. Restauration oder Aufenthaltsmöglichkeit bietet das Bahnhofsgebäude nicht mehr. Es wurde 1988 unter Denkmalschutz gestellt und befand sich über Jahre hindurch in Privatbesitz. Während dieser Zeit wurde es nicht mehr genutzt und verfällt allmählich.

Bahnhofsgebäude und die gegenüber am Hang des Amtshausberges gelegene Villa Schöning gingen nach dem Tod des damaligen Käufers in den Besitz einer Erbengemeinschaft über. Anfangs wurden die beiden Objekte als Einheit gesehen, speziell die Substanz der Villa ist durch rapiden Verfall stark gefährdet, worüber es erregte Diskussionen gab und gibt: Villa Schöning. Im Dezember 2007 erwarb die Stadt Vlotho den Bahnhof und es gibt viele Anregungen aus der Bevölkerung zur weiteren Nutzung.