Exter: Im Ortszentrum (2004)
Themenbereich Menschen und Objekte
Charakterprägend in Vlotho: Der Brink
[Namensforschung]  [Definition des Begriffs]

Vlotho hatte sich im engen Tal zwischen Amtshausberg und Winterberg im Bereich der Einmündung der "Vlothe" (heute Forellenbach) in die Weser entwickelt. Die Ableitung des heutigen Namens aus "Vlothe" und "Owe" (für Aue) über "Vlothowe" zu "Vlotho" ist heute allgemein gültige Meinung zum Entstehen des Ortsnamens. In diesem Trog lagen einige hangseitige Häuser im Niveau etwa ein Stockwerk über der Straßensohle, auf dem "Brink". Davor verlief der aufgemauerte Bürgersteig mit einer Treppe zur Straße als Verbindung. Im Nebeneffekt war man hier vor den häufigen Hochwassern der "Vlothe" sicherer.

Diese Ansichten der Langen Straße in Richtung Rathaus sind in der Zeit durch etwa 100 Jahre getrennt. Links eine Postkarte mit Aufdruck "Marktplatz vor der Abtragung des Brinks", was 1905 geschah. Man schrieb Grüße auf die Bildseite (Die andere Seite war Frankatur und Anschrift vorbehalten): "Vlotho ist ein sehr betuliches, altertümliches Städtchen mit herrlicher Umgebung." Auf die Umgebung trifft das noch immer zu, heute sollte man Vlotho mit seiner leider wenig frequentierten gepflegten "Langen Straße" doch eher beschaulich nennen. Rechts (Juli 2006) zeigt sich das vor St. Johannis stehende Haus im schönen Fachwerk.

Früher ging es hier am Marktplatz nach rechts in die Weserstraße. Nach der Stadtsanierung in den 1970er-Jahren verlässt man die Lange Straße heute nach rechts in die Klosterstraße. Die Verkehrsentwicklung Anfang des 20. Jahrhunderts zwang auch Vlotho zu baulichen Maßnahmen; ein Gebilde wie der hochgemauerte Brink war im Wege.

Mit diesen städtebaulichen Geschehnissen verbindet sich eine Geschichte, in der der Amtsschimmel kräftig wieherte: Unter dem 15. Juli 1905 ist in baupolizeilichen Akten aus dem Amt Vlotho zu ersehen, dass Witwe Meta Sukrow sich genehmigen lassen möchte, eine dreistufige Treppenanlage vor ihrem Haus anzulegen, damit ihre Kunden ihren Laden an der Langen Straße wieder besser erreichen können. Das Geschäft sichert ihren Lebensunterhalt und sie befürchtet weitergehende Verdienstausfälle.

Dort, wo am alten Marktplatz Frau Sukrow in der rechten Hälfte des dritten Hauses von links ihr Ladengeschäft betrieb (heute Lange Straße Nr. 109), sollte das Entfernen des Brinks längeren Gespannen die Kurvenfahrt erleichtern, aber auf eine Länge von eineinhalb bis zwei Metern beschränkt bleiben. Abgetragen wurde dann über die Breite der drei linken Häuser im Bild, das überraschte alle Betroffenen, besonders Frau Sukrow. Der Brink ist noch zu sehen, deutlich zu erahnen aber auch die nach dem Abriss unangenehme Situation für die Ladeninhaberin und ihre Kundschaft.

Sie hatte zu einem früheren Zeitpunkt beantragt, ihr Haus umbauen und mit einem zusätzlichen Stockwerk nach unten versehen zu dürfen, verschloss sich also nicht der offensichtlichen Notwendigkeit. Angesichts der anstehenden Maßnahmen hatte sie vorausgesetzt, dass die Stadt den Brink in diesem Bereich komplett entfernte, woraus sich ein schöner freier Platz ergeben könnte. Es hat den Anschein, als sei dem Antrag direkt nicht stattgegeben worden mit Hinweis auf weniger umfangreiche Veränderungen, bei denen es dann nicht blieb.

Jetzt befand sich das Haus Sukrow etwa zwei Meter über dem Straßenniveau und der vorhandene Ladenbetrieb war nur erschwert zu erreichen. Den Antrag der Witwe auf eine Treppe lehnte Amtmann Brüggenschmidt ab, weil das Haus genau an der Baufluchtlinie läge.

Frau Sukrow wandte sich an Landrat von Borries. Dieser beraumte einen Lokaltermin auf den 4. August an. Am nächsten Tag wies er Brüggenschmidt an, die Anlage einer zweistufigen Treppe trotz verletzter Fluchtlinie zu genehmigen. Brüggenschmidt entgegnet, dass das baupolizeilich nicht zulässig sei und eine Genehmigung sowie einen zu vermeidenden Präzedenzfall bedeuten würde.

Die anschließend befragte Gemeindevertretung stimmte der "geringfügigen" Überschreitung der Fluchtlinie zu; der Landrat wies gegen Ende August den Amtmann erneut an, die Genehmigung zu erteilen.
In der Zwischenzeit allerdings hatte die Witwe ihren Antrag zurückgezogen. Zwar ließ sich nicht genau feststellen, ob ein neuerlicher Antrag auf Erweiterung des Hauses selbst folgte, doch wie man sieht, kann man davon und von der Zustimmung der Baubehörde ausgehen. Wie man im Jahr 1905 ein Haus um ein Stockwerk von oben nach unten erweiterte, zeigt anschaulich das vorstehende Bild. Alles oberhalb der "alten" Kellersohle wurde abgestützt und darunter aufgemauert, wie hier am Haus Sukrow.

Das Aufrüsten hat nicht geschadet (Bild links, um 1960). Rechts finden wir die "Sukrowsche Buchhandlung", links daneben das Zigarrengeschäft Tölle. Über der Ladenzeile verkündet das noch vorhandene Schmuckwappen: "Umgebaut 1905".
Das rechte Bild zeigt den Bereich im Juli 2006: Im ehemaligen Haus Sukrow (rechts) befindet sich ein Augen-Optiker, übrigens ein Nachkomme der Knöners, die etwa 100 Jahre zuvor die Bahnhofsgaststätte in Exter betrieben. Das Haus links daneben wurde komplett neu gestaltet.

In Rathausnähe ist in der unteren Langen Straße der seinerzeitige Brink immer noch erhalten. Das linke Bild zeigt ihn um 1960. Was man daraus machen kann, zeigt die nostalgische Romantik vermittelnde Aufnahme aus Juli 2006.

Auf etwa halbem Wege zwischen verschwundenem und noch vorhandenem Brink haben die Vlothoer ihren Kontrapunkt dazu: Die Bezeichnung "In der Grund" bedarf keiner besonderen Erläuterung. Die alte Aufnahme zeigt die Häuser etwa ein halbes Stockwerk unter dem Straßenniveau (im Hintergrund ist der Kirchturm von St. Johannis zu sehen).

Seit 1957 ist hier der Sommerfelder Platz zu finden, ein Gedenken an den vergangenen deutschen Namen der heutigen polnischen Partnerstadt Vlothos, Lubsko. Den Brunnen im Vordergrund zieren Kollersteine aus der alten Papiermühle am Rahlbruch in Valdorf. In der Zwischenzeit ist bei der Umgestaltung des Platzes dieses Ensemble verschwunden. Die Kollersteine wurden auf einer Rasenfläche vor Rathaus aufgestapelt. An die alte Bezeichnung dieses Abschnittes der Langen Straße erinnert nur noch eine kleine Stichstraße, die zum großen Parkplatz "In der Grund" hinter dem Haus im Hintergrund führt, in dem sich heute neben dem Stadtarchiv u. a. auch die örtliche Polizeidienststelle Vlothos befindet.




Ein Ausflug in die Namensforschung
Unsere heutigen Familiennamen entwickelten sich als genauer bezeichnende Ergänzungen zu den Rufnamen, die wir heute allgemein als Vornamen ansehen. Zunamen wie Brinkmann oder Brinkmeyer sind im konkreten Fall Hinweise auf Wohnstätten auf oder an einem Brink. Bei der geringen Anzahl der seinerzeit verwendeten Vornamen bei zunehmender Anzahl von Namensträgern waren solche Spezifikationen notwendig.

Im Vlothoer Ortsteil Exter könnte sich beispielsweise in einem Falle der heutige Familienname Brinkmeyer nach den uns bekannten Besitzern einer Stätte so entwickelt haben: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Berndt Heinrich Meyer fürderhin als "Brink"meyer benannt wurde. Leider ist dieser Zeitraum zur Zeit nur ungenügend erforscht und wir hoffen, dass unsere laufende Kirchenbuchverkartung auch mehr Klarheit in die Entwicklung der Familiennamen in unserem Ort bringt.

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Zur Definition der Bezeichnung Brink
Der Begriff Brink ist nach einigen Lesarten ursprünglich eine Bezeichnung für einen Rand, eine Kante, vorzugsweise wohl in einem Gelände. Der aktuelle Duden meint dazu: "Brink, der; -s, -e [aus dem Niederd., mniederd. brink, eigtl. = Rand (eines Hügels, eines Ackers)"

Die Ausgabe von 1926 definiert den Brink als beliebige Anhöhe oder grundsätzlich als erhöhten Standort. In einigen Flurnamen und auch in Ableitungen zu Familiennamen scheint zumindest lange Zeit hindurch diese Definition auschlaggebend zu sein.

In Vlotho gibt bzw. gab es beides. "Bliekenend" nannte der Volksmund die Häuser Lange Straße Nrn. 1 bis 15. Unweit der Grenze zu Bad Oeynhausen-Rehme, nahe am ehemaligen Gaswerk war man hier an einem "End" von Vlotho. Die Anwohner angelten in der Weser vorzugsweise Blicken. Dieser Fisch wird auch Güster genannt und gehört zu den minderen Speisefischen, was wohl auf den ausgeprägten Grätenstand zurückzuführen ist. Sein massenhaftes Vorkommen in diesem Bereich der Weser erklärt sich durch das damalige, nahe städtische Schlachthaus, dessen Abfälle der Einfachheit halber regelmäßig in die Weser entsorgt wurden. Ein Festessen für die Fische und eine plausible Erklärung für den ersten Namensteil "Blieken" der Siedlung. In den 1970er-Jahren musste die Häuserreihe beim Ausbau der B 514 weichen.

Ältere Vlothoer kennen hierzu noch die Bezeichnung "Drei-Häuser-Brink" für die Anwesen Nrn. 4 bis 6. Sie standen zwar am Rand des Hanges, aber auf einer Anhöhe im Gelände, einem "Brink" eben. Genauso wie es früher in der Innenstadt Vlothos dort war, wo Markt gehalten wurde.

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